Achtung, Verwandtschaft: Kroatisch & andere slawische Sprachen

Slawische Sprachen Verwandtschaften

Die Ähnlichkeiten sind unverkennbar! Dass slawische Sprachen jede Menge Parallelen aufweisen, merkt man spätestens, wenn man eine davon lernt und dann mit einer anderen konfrontiert wird. Solch ein Aha-Erlebnis hatte ich, als ich im Juli 2017 mit der Bahn nach Danzig gefahren bin und in Stettin umsteigen musste.

Die standardmäßigen Gruß- und Höflichkeitsformeln auf Polnisch habe ich mir vor der Reise angeeignet, dann betrete ich zum ersten Mal polnischen Boden und stelle fest, dass ich dank meiner Kroatisch-Kenntnisse schriftlich viele Zusammenhänge verstehe. Gesprochen leider weniger: Es zischt und die Zungenbrecher sind wegen Konsonanten-Kombinationen wie szcz eine ganz andere Hausnummer! Über ein gemeinsames Wort stolpert man am Bahnhof sofort – peron (zu Deutsch: Bahnsteig).

Sprachvergleich am Beispiel Polnisch

Slawische Sprachen VergleichSeit dem Danzig-Kurztrip bin ich schon zwei weitere Male nach Polen gefahren, zuletzt vergangenes Wochenende nach Breslau. Ab Berlin verkehrt der sogenannte Kulturzug: auf den ersten Blick ein lahmer, nicht ganz bequemer deutscher Regio, aber auf den zweiten ist man bemüht, den Fahrgästen polnische Sprache und Kultur schmackhaft zu machen. Immerhin dauert die Reise über vier Stunden.

Eine zweisprachig in Berlin aufgewachsene Dame ist auf dem Hinweg als Animateurin mit an Bord und veranstaltet in einem Fahrradwagen einen lustigen Polnisch-Crashkurs für alle, die es interessiert. Wie verwandt slawische Sprachen miteinander sind, zeigt sich spätestens, als sie zu den Körperteilen kommt.

Beispiele:

usta (polnisch) – usta (kroatisch) = Mund
nos (polnisch) – nos (kroatisch) = Nase
oko (polnisch) – oko (kroatisch) = Auge
oczy (polnisch) – oči (kroatisch) = Augen

Am Ende verteilt sie Kärtchen mit den polnischen Namen Breslauer Sehenswürdigkeiten, in meiner Hand landet „sok jabłkowy“. Moment mal, denke ich mir, hat sie vielleicht ihre Karteikarten vertauscht? Das ist keine Sehenswürdigkeit, sondern ein Getränk: Apfelsaft! Woher ich das mit nahezu nicht vorhandenen Polnisch-Kenntnissen weiß? Ganz einfach – auf Kroatisch heißt Apfelsaft „sok od jabuke“. Für Saft gibt es also eine gemeinsames Vokabel und Apfel klingt zumindest ähnlich. Die Dame outet das Kärtchen dann als Scherz.

Grammatikalisch funktionieren slawische Sprachen ebenfalls nach einem gemeinsamen Muster. Sie verwenden sieben Fälle und statt Artikeln die für deutschsprachige Lernende gewöhnungsbedürftigen Fallendungen. Wie im Kroatischen bekommt beispielsweise eine männliche Person oder ein männliches Tier auch im polnischen Akkusativ -a als Genitiv-Endung verpasst.

Keine Sensibilisierung für slawische Sprachen an Schulen

Bei einer Tschechien-Slowakei-Rundreise hatte ich neulich ähnliche Aha-Erlebnisse, die ohne solche Touren kaum möglich wären. Ja, ich finde es wirklich schade, dass slawische Sprachen Schülern an deutschen Schulen komplett vorenthalten werden! Obwohl der slawische Sprachraum an Deutschland grenzt und durch das Sorbische in der Lausitz sogar direkt im Lande vorhanden ist, haben wir es mit einer strikten sprachlich-kulturellen Indoktrinierung zu tun. Natürlich halte ich es für immens wichtig, dass junge Menschen Englisch und romanische Sprachen wie Französisch lernen, doch sie haben auch keine andere Wahl!

Sorry übrigens an alle, die zu diesem Thema eine wissenschaftliche Abhandlung erwartet haben. Weiterführende Infos gibt es bei Wikipedia und in den Slawistik-Fachbereichen an Universitäten. (as)

Autor

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Annika Senger
Annika Senger ist Gründerin und Chefredakteurin des Reise- und Kulturportals Kroatien-Liebe. Die passionierte Bloggerin und Reisevermittlerin interessiert sich für Reisen, Musik, Literatur, Sprachen, Kochen und Fotografie.
Adresse: Berlin, Deutschland

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