Hrvatska Noć 2018: Musiklegenden & High Heels

Hrvatska Noc 2018

Für die kroatische Community in Deutschland ist diese die Nacht der Nächte, der man ein ganzes Jahr entgegenfiebern darf. Am 17. November strömen wieder Heerscharen von Kroaten und Kroatien-Fans zur Hrvatska Noc 2018 nach Frankfurt am Main. In der Fraport Arena bringen zehn Musikstars aus Kroatien die Bühne zum Beben, das Publikum zum ausgelassenen Mitsingen und Feiern.

Das Rock- und Pop-Spektakel beginnt am frühen Abend und endet am nächsten Morgen zwischen fünf und halb sechs. Wer alle Acts live erleben will, sollte sich also auf einen Schlaflos-Marathon vorbereiten.

Grupa Vigor
Foto: Kroatien-Liebe

Grupa Vigor als Opener der Hrvatska Noc 2018

Ob auch Grupa Vigor die Nacht durchmachen? Fraglich, denn Sänger Mario Roth und seine fünf Kollegen dürfen die Hrvatska Noc 2018 eröffnen. Das ist nur gerecht, denn im vorigen Jahr stand die Band um vier Uhr morgens auf der Bühne und musste sie nach rund 20 Minuten verlassen.

Zuerst erkenne ich Mario nicht – sein Bart verleiht ihm einen völlig neuen Look. Aussehen hin oder her, er ist ein geborener Entertainer, der mit schwungvollen Pop-Ohrwürmern wie „Bol“ (zu Deutsch: Schmerz) die Stimmung anheizt. In den Liedern von Grupa Vigor geht es immer um das schönste Gefühl der Welt: die Liebe.

Miroslav Skoro
Foto: Kroatien-Liebe

Miroslav Škoro zurück nach Krankheitspause

Ihr musikalischer Mentor und Label-Manager Miroslav Škoro folgt ihnen sofort im Anschluss. Ein ungewöhnlich früher Auftritt für den alljährlichen Dauerbrenner der Hrvatska Noć, aber auch nicht verwunderlich. Erst vor Kurzem musste der Superstar wegen einer Herz-OP pausieren. Äußerlich sieht man dem eleganten Gentleman sein Leiden kaum an, stimmlich wirkt er schwächer als sonst. Letzteres mag auch dem allgemein dürftig gemixten Sound geschuldet sein. Die ganze Nacht dominieren die Instrumente, während die Stimmen in den Hintergrund rücken.

Der Verfechter eines positiven Patriotismus animiert mehrmals die Zuschauer zum Mitgröhlen. Bei „Domovina“ (Heimatland) tun sie das auch von selbst und schwingen kroatische Flaggen: „Domovina u venama!“ Heimatland in den Adern. Gleich zweimal setzt Škoro dann seinem nicht anwesenden Freund Marko Perković ein musikalisches Denkmal. Er covert „Lijepa li si“ (Bist du schön, gemeint ist Kroatien) und „Suđe mi“ (Sie verurteilen mich) von Thompson.

Miroslav Skoro gedenkt Vukovar
Foto: Kroatien-Liebe

Derweil gedenkt der gebürtige Slawone der Opfer des Massakers von Vukovar. Schließlich jährt sich das Kriegsverbrechen am 18. November zum 27. Mal. Er singt vor einem Lichtermeer, am Rang rechts neben der Bühne prangt auf einem schwarzen Banner: Zapamtite Vukovar. Erinnert euch an Vukovar. Er ist nicht der einzige Künstler, der auf die klaffende Wunde im Herzen seines Landes aufmerksam macht. Die beiden Moderatoren schließen sich den Musikern an.

Fans bei der Hrvatska Noc 2018
Foto: Kroatien-Liebe

Crvena Jabuka und ein Überraschungs-Gast

Miroslav Škoro gibt den aus Sarajevo stammenden Rockern von Crvena Jabuka die Klinke in die Hand. Der rote Apfel, wie die Truppe auf Deutsch heißt, bringt die Besucher mit ihren schnelleren, gitarrenlastigen Nummern außer Rand und Band. Eine willkommene Abwechslung ist die Ohrwurm-Rockballade „Tugo Nesrećo“ (Trauer Unglück in Form einer Dame). Viele johlen mit, wenn Sänger Dražen anstimmt: „Tugo, tugo nesrećo! Nikoga nisam tako volio.“ Trauer, Unglück! Niemanden habe ich so geliebt.

Crvena Jabuka
Foto: Kroatien-Liebe

Plötzlich sorgen Crvena Jabuka für einen Überraschungsmoment, als ein unerwarteter Musikerkollege auftaucht und mit ihnen ein Duett trällert. Später darf Tiho Orlić, der Opener der Hrvatska Noć 2017, noch seinen eingängigen Hit „Daleko je“ (Es ist weit weg) alleine zum Besten geben.

Tiho Orlic
Foto: Kroatien-Liebe

Die Zagreber Rock-Dinosaurier Prljavo Kazalište

Auf kaum einen anderen Act der Hrvatska Noc 2018 freue ich mich so sehr wie auf die Rock-Urgesteine aus Zagreb: Prljavo Kazalište. Seit 1976 rocken die kroatischen Rolling Stones die Bühnen und sie scheinen nicht müde zu werden. Sänger Mladen Bodalec wirkt mit fast 60 Lenzen agil wie ein Flummy. Er tanzt und hüpft übers Podium und lässt es sich nicht nehmen, sich im Pressegraben mit seinen Fans auf Selfies ablichten zu lassen. Hin und wieder macht er kleine Verschnaufpausen, wechselt sein Outfit und versteht es wie kein anderer, für die Kameras der Journalisten zu posieren.

Mladen von Prljavo Kazaliste
Foto: Kroatien-Liebe

Prljavo Kazalište zelebrieren ihre Hits wie „Pisma ljubavna“ (Liebesbriefe) oder ein Medley ihrer schönsten Balladen, darunter „Moj bijeli labude (Mein weißer Schwan) und „Zbog mene ne plači“ (Weine nicht wegen mir). Der Höhepunkt an Emotionalität ist erreicht, als sie „Mojoj majci (Ruža hrvatska)“ schmettern. Auf den Stehplätzen und den Rängen lassen Fans stolz die Šahovnica wehen. Das war 17. Oktober 1989 in Zagreb keine Selbstverständlichkeit für die Band! Für die Liedzeile „ruža hrvatska“ (kroatische Rose) wäre sie fast ins Gefängnis gewandert.

Prljavo Kazaliste
Foto: Kroatien-Liebe

Mate Bulić, ungekrönter König der Diaspora

Dieser Herr trägt den Beinamen „kralj diaspore“, König der kroatischen Diaspora. Eigentlich stammt Mate Bulić aus der Herzegowina und ein Gig in Frankfurt dürfte für ihn längst ein Heimspiel sein. Immerhin lebt er dort seit 1985 und ist bei der Hrvatska Noć wie sein „Pate“ Miroslav Škoro Dauergast.

Als die Moderatoren ihn ansagen, kreischen manche frenetisch, andere buhen. Dann liefert er im schicken Anzug Popsongs im folkloristischen Gewand und trifft wie üblich nicht jeden Ton. So kennt man Mate Bulić, viele seiner Landsleute macht er damit unendlich glücklich.

Mate Bulic
Foto: Kroatien-Liebe

Die Legende Mišo Kovač

Dem Veranstalter Rokaro Numen aus Neuss ist es gelungen, eine lebende Legende in die Fraport Arena zu holen. Der 77-jährige Mate Mišo Kovač betritt die Bühne erst gegen halb zwei, das Publikum jubelt: „Mišo! Mišo! Mišo!“ Währenddessen löst er in mir ein starkes Gefühl von Mitleid aus. Selten habe ich in den Augen eines anderen Menschen so viel Trauer gesehen wie in seinen.

Er, der vor 40 Jahren den schwarzhaarigen Macho mit Schnurrbart verkörperte, wirkt müde und von seinen Schicksalsschlägen stark gezeichnet. 1975 hat Mišo mit „Ostala si uvijek ista“ (Du bist immer die Gleiche geblieben) eines der schönsten kroatischen Liebeslieder veröffentlicht. Als er die stimmgewaltige Ballade 43 Jahre später intoniert, versagen ihm die Töne. Für die erste Strophe springt der Gitarrist ein und ich bin den Tränen nahe.

Miso Kovac
Foto: Kroatien-Liebe

Mladen Grdović macht die Hrvatska Noc 2018 zum Tag

Sicherlich ist es kein Trumpf, bei der Hrvatska Noć Slot neun zu belegen und damit erst gegen halb vier auftreten zu dürfen. Von Müdigkeit ist allerdings bei dem dalmatinischen Barden Mladen Grdović nichts zu spüren. Er kurbelt die Stimmung noch einmal an. Seine Gassenhauer „Sve za ljubav“ (Alles für die Liebe) und „Moj dom“ (Meine Heimat) brennen sich einfach in die Gehörgänge ein und rutschen den Fans in die Kehlen. Begeistert singen sie mit und Mladen hüllt sich ehrfürchtig in eine kroatische Fahne, die vor seinen Füßen landet.

Mladen Grdovic
Foto: Kroatien-Liebe

Die drei Sängerinnen bei der Hrvatska Noc 2018

Weibliche Acts sind bei der Hrvatska Noc 2018 wie in den Vorjahren unterrepräsentiert. Einen Tag vor dem Event ruft mich eine Frau an und fragt mich, ob ich die Reihenfolge der Auftritte kenne. Als ich das verneine, echauffiert sie sich: „Schade, ich wollte nur wissen, wann diese Prostituierten mit aufgespritzten Lippen und Silikonbrüsten singen. Auf diese Pappnasen verzichte ich gerne!“

Hammerharte Worte! Aber anstelle von stimmgewaltigen Persönlichkeiten wie Nina Kraljić, Luce oder der Grande Dame des kroatischen Chansons, Josipa Lisac, offenbart sich bei der Hrvatska Noć ein sexistischer Querschnitt durch Kroatiens aktuelle Musikszene. Über Jelena Rozga, Lidija Bačić und Maja Šuput hätte ich in meinem Musik-Blog nie ein Wort verloren, gehörten sie nicht zufällig zum Line-up.

Lidija Bacic
Foto: Kroatien-Liebe

Alle drei Ladys haben hervorstechende Gemeinsamkeiten: Stimmen wie Mickey Mouse, High Heels, offensichtlich einen Beauty-Doc und Röcke, die kaum ihre Hinterteile bedecken und immer wieder freie Sicht auf ihre Höschen erlauben.

Am sympathischsten in diesem Trio kommt Jelena rüber. Sie strahlt im Gegensatz zu ihren Kolleginnen Herzlichkeit aus und zieht damit das Publikum voll in ihren Bann. Die 41-Jährige ist ein echtes Energiebündel und kann super tanzen. Kein Wunder, immerhin war die aus Split stammende Sängerin früher Ballerina am Kroatischen Nationaltheater in Zagreb.

Jelena Rozga
Foto: Kroatien-Liebe

Lidija schwimmt auf der patriotischen Welle mit und beehrt die Fans ebenfalls mit einem Thompson-Cover von „Lijepa li si“. Die Rolle der Rausschmeißerin bei der Hrvatska Noc 2018 übernimmt Maja, die in ihrem knallpinken Bonbon-Dress an einen Hocker gefesselt ist. Der rechte Fuß dieses kroatischen Gina-Lisa-Lohfink-Verschnitts steckt in einer rosa Bandage, der linke in einem megahohen weißen Lack-Stiletto. Ihr Schuh inspiriert zu bösen Munkeleien, wie sie sich ihre Fußverletzung zugezogen haben könnte!

Trotz ihrer körperlichen Einschränkung wirkt die Blondine kurz vor fünf gut gelaunt. Zu einem folkloristisch angehauchten Up-Tempo-Soundbrei streckt sie dem Publikum öfters ihre Zunge entgegen. Wirklich fesseln kann sie die Leute damit nicht. Sie strömen aus der Halle und treten lieber die Heimreise an statt Majas ungewollt hysterischen Klängen zu lauschen.

Maja Suput
Foto: Kroatien-Liebe

Feuchtfröhliche Backstage-Party

Während auf der Bühne die zehn bzw. elf Acts ihre Shows abliefern, steigt die ganze Zeit im Backstage-Bereich eine feuchtfröhliche Party für VIPs und Pressevertreter. Unermüdlich sorgt das Team von Selak Delikatessen mit Pršut, Kulen, leckerem Käse und Brot für das leibliche Wohl. An der Bar fließen Vino, Wodka und natürlich auch nicht-alkoholische Getränke in Strömen. Bei Live-Musik von TS Dukati, die ohne Unterbrechung spielen!

Backstage Essen bei der Hrvatska Noc 2018
Foto: Kroatien-Liebe

Tribute für den verstorbenen Oliver Dragojević

Dass Kroatiens Musikwelt am 29. Juli 2018 einen traurigen Verlust erlitten hat, bleibt bei der Hrvatska Noć natürlich nicht unkommentiert. Nach dem Auftritt von Grupa Vigor lässt die Moderation Oliver mit Gesicht und Gesang über die Leinwand flimmern. Über der Bühne, wo er 2016 zum letzten Mal vor seiner tödlichen Krebserkrankung aufgetreten ist. Ausgerechnet Lidija Bačić covert ihm zu Ehren sein dalmatinisches Liebeslied „Cesarica“ (Kaiserin). Eine rührende Geste trotz ihrer emotionsarmen Stimme! (as)

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Autor

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Annika Senger
Annika Senger ist Gründerin und Chefredakteurin des Reise- und Kulturportals Kroatien-Liebe. Die passionierte Bloggerin und Reisevermittlerin interessiert sich für Reisen, Musik, Literatur, Sprachen, Kochen und Fotografie.
Adresse: Berlin, Deutschland

Kommentare

Sabina
20. November 2018
In einer Welt in der Frauen andere Frauen mit kurzen Röcken öffentlich als Prostituierte titulieren, brauchen wir uns über fehlenden Respekt von Männern nicht beschweren. Dieses Zitat war für die Bewertung des Abends absolut unnötig und respektlos.
Annika Senger
20. November 2018
Liebe Sabina, wie in dem Artikel ganz deutlich zu lesen ist, hat die Anruferin das P-Wort in den Mund genommen und nicht ich! Natürlich wäre das meinerseits respektlos, die drei Grazien so titulieren. Als Rezensentin habe ich aber auch das Recht, Kritik am Sexismus in der kroatischen Musikszene zu äußern, erst Recht in meinem eigenen Magazin.
Sabina
20. November 2018
Liebe Annika, wie in meinem Kommentar ganz deutlich zu lesen ist, habe ich geschrieben, dass das Zitat für die Bewertung unnötig und respektlos war. Du hättest Kritik auch ohne dieses Zitat üben können. Mir scheint es jedoch, dass dieses Zitat bewusst von dir eingebaut wurde. Von einer seriösen Rezensentin hätte ich mehr Niveau erwartet.
Annika Senger
20. November 2018
Manchmal muss man Dinge überspitzt sagen, um sie mal richtig auf den Punkt zu bringen! Es gibt so tolle kroatische Sängerinnen (zum Beispiel die drei genannten), die so eine Form der Darstellung nicht nötig haben. Sie werden aber auf solche Großveranstaltungen nicht eingeladen. Im Allgemeinen wird da Machotum zelebriert, männliche Acts sind immer in der Überzahl. Das sollte sich ändern!

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