Naturpark Lonjsko Polje auf 2 Rädern

Naturpark Lonjsko Polje

In Zentral-Kroatien östlich von Zagreb verbirgt sich ein touristisch relativ unerschlossenes Landschafts-Paradies. Dass es jemals ein Magnet für den Massentourismus werden könnte, ist unwahrscheinlich. In dieser grünen Oase für Naturfreunde scheint die Zeit irgendwann stehen geblieben zu sein. Ich mache eine lange, lange Radtour durch den Naturpark Lonjsko Polje. Am Ende ist sie länger als geplant …

In Sisak schwinge ich mich kurz vor acht Uhr morgens auf das Mountainbike meiner Wirtin Suzana. Getreu dem Sprichwort über den frühen Vogel, der den Wurm fängt. Erstens möchte ich viel sehen, zweitens klettert das Quecksilber bei meinem Aufenthalt Anfang Juli knapp über 30 Grad.

Hinter der Burg von Sisak verlasse ich die Hauptstraße und folge über ruhige Nebenstraßen dem ausgeschilderten Radweg entlang des Flusses Sava. Die Ausläufer von Sisak ziehen sich noch einige Kilometer hin. Dann durchquere ich Dörfer wie Prelošćica, Lukavec Posavski und Gušće. All diese Ortschaften ziehen sich kilometerweit in die Länge, weil sämtliche Häuser an der Hauptstraße gebaut wurden. Ich kenne diese Art der Ansiedlung schon aus Slawonien.

Die zunehmende Hitze wirkt beim Radfahren schweißtreibend, ansonsten stellt die Beschaffenheit des Weges keine Herausforderung dar. Es gibt weder schwere Anstiege noch rasante Abfahrten. Niemand braucht hier beim Treten in die Pedale supersportlich zu sein. Ich bin es allerdings gewohnt und trage Funktionskleidung inklusive gepolsterter Radlerhose. Auf dem schmalen Sattel eine Notwendigkeit …

Fluss Save im Naturpark Lonjsko Polje
Der Fluss Sava, Foto: Kroatien-Liebe

Störche im Naturpark Lonjsko Polje

Etwa 20 Kilometer liegen schon hinter mir, als ich kurz vor Čigoć den Eingang zum Naturpark Lonjsko Polje erreiche. Zu meiner Rechten fließt immer die Sava. Ein paar Male stoppe ich und lasse den Anblick der ruhigen Fluss-Idylle auf mich wirken. Solche Ausflüge in die Natur fühlen sich an wie Meditation, nicht nur in Kroatien.

Čigoć ist als Storchendorf bekannt, und zwar aus gutem Grund. Auf den Dächern der traditionellen Holzhäuser nisten Heerscharen der gefiederten Gesellen. Auch in anderen Dörfern des Lonjsko Polje: Noch nie haben so viele Störche meinen Weg gekreuzt wie bei diesem Ausflug. In Čigoć wartet eine Ethno-Ausstellung über das Leben der Einheimischen in früheren Zeiten. Im Nachhinein bin ich ein bisschen traurig, dass ich sie links liegen lasse, um weiter, weiter, weiter zu kommen.

Trotzdem mache ich an der Sava eine Pause und wage mich auf einen morsch wirkenden Steg. Um mich herum erstreckt sich ein riesiger Teppich aus Seerosen. Intensives Grün trifft auf wolkenlosen blauen Himmel. Kroatien zeigt mir schon wieder eine neue Facette seiner Natur, ich bin völlig fasziniert.

Plötzlich schreibt mir Suzana eine WhatsApp-Nachricht: Es sei Gewitter angesagt worden, ich sollte besser vorsichtig sein. Noch keine Wolkentürme am Himmel, aber man weiß ja nie. Ich beschließe, bis Lonja weiterzuradeln und dann umzudrehen. Laut Wegweiser ist das Dorf 41 Kilometer von Sisak entfernt.

Traditionelles Holzhaus im Lonjsko Polje, Foto: Kroatien-Liebe

Gastfreundliches Etno Selo Stara Lonja

Immer wieder überwältigt von der Schönheit des Flusses, schaffe ich es bis Lonja. Unterwegs entdecke ich eine Herde Kühe, die in der Sava badet. Am Ziel angekommen, lotst mich in der Nähe der Kirche ein Schild zum Etno Selo Stara Lonja. Zu Deutsch: Ethno-Dorf Altes Lonja. Ich halte das für ein Freilichtmuseum und steuere es an.

In Wirklichkeit handelt es sich um ein Gästehaus für Naturliebhaber. Die Besitzer, Mutter und Sohn samt Hund, lassen mich trotzdem eintreten und im Garten Rast machen. Wir plaudern eine Weile und ich erfahre, dass einige der Holzhäuser auf dem Grundstück über 300 Jahre alt sind. Während ich mich in der Sitzecke im Schatten mit Wasser und hausgemachter Holunder-Limonade erfrische, raten mir meine Gastgeber, noch 15 Kilometer bis Krapje weiter zu radeln. Am Ende des Dorfes gebe es die schönsten Holzhäuser im Naturpark Lonjsko Polje und um 16 Uhr fahre an der Kirche von Lonja ein Bus zurück nach Sisak. Sie tätigen extra einen Anruf, um sich zu vergewissern, dass der Fahrplan stimmt.

Nach dieser herzlichen Begegnung nehme ich mir den Tipp zu Herzen und setze die Route fort bis Krapje. Total dankbar bin ich für die Bewirtung mit kalten Getränken. In den Dörfern entdecke ich zwar den einen oder anderen Kaufmannsladen, aber alle sind geschlossen. Von Bars und Restaurants ganz zu schweigen: Es gibt keine! Zum Glück habe ich gut gefrühstückt und zwei Energieriegel als Proviant dabei.

Holzhäuser in Krapje, Kroatien
Holzhäuser in Krapje, Foto: Kroatien-Liebe

Ein überaus netter Busfahrer …

Als ich mir die Holzhäuser in Krapje angeschaut habe, ist meine Lust aufs Radfahren auf den Nullpunkt gesunken. Trotz der gepolsterten Hose schmerzt mein Allerwertester, denn mein Trekking-Rad mit dem breiten Sattel steht im Keller in Berlin. Auch die Lenkergriffe sind nicht mal ansatzweise so bequem. Ich freue mich wahnsinnig auf die Rückfahrt mit dem Bus ab Lonja. In dem riesigen Gepäckfach ist sicher genug Platz für das Mountainbike. Ich weiß es, am Morgen ist mir einer dieser Busse entgegengekommen.

Die Rechnung habe ich ohne den Busfahrer gemacht. Er sieht mich, ich winke ihm zu, aber er hält an der Haltestelle nicht einmal an und macht eine Kehrtwendung. Ich bin stinksauer! Wie soll ich jetzt noch einmal über 40 Kilometer meistern? Hände und Hintern tun mir weh. Anscheinend setzt meine Wut ungeahnte Energien in mir frei. Zweieinhalb Stunden später sitze ich bei immer noch strahlendem Sonnenschein in einem Restaurant an der Kupa in Sisak und esse Gnocchi mit fetter Käsesoße. (as)

Autor

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Annika Senger
Annika Senger ist Gründerin und Chefredakteurin des Reise- und Kulturportals Kroatien-Liebe. Die passionierte Bloggerin und Reisevermittlerin interessiert sich für Reisen, Musik, Literatur, Sprachen, Kochen und Fotografie.
Adresse: Berlin, Deutschland

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